Über 9000 Ausbildungsstellen unbesetzt – Land, Arbeitsagentur, Verbände und Gewerkschaften appellieren: „Duale Ausbildung trotz Corona verlässlich gestalten“

KIEL, 24.06.20 – Angesichts von landesweit fast 9.300 unbesetzten Ausbildungsstellen haben die Partner im schleswig-holsteinischen „Bündnis für Ausbildung“ einen Aufhol-Appell an Schulen, Auszubildende und Ausbildungsbetriebe gerichtet…

Bei einem Treffen in Kiel machten die Spitzenvertreter von Land, Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden heute (24. Juni) klar, dass die berufliche Bildung in Schleswig-Holstein trotz Corona-Krise dauerhaft und verlässlich gestaltet werden müsse.

„Wir fordern alle Schülerinnen und Schüler, Eltern und Betriebe auf, die duale Ausbildung jetzt verstärkt in den Blick zu nehmen und alle Angebote rasch zu nutzen“, sagten Wirtschafts-Staatssekretär Dr. Thilo Rohlfs und Bildungs-Staatssekretärin Dr. Dorit Stenke. Eine qualifizierte Berufsausbildung biete jungen Menschen beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben. Sie sei zudem ein wirksamer Schutz gegen Arbeitslosigkeit und sichere jedem Einzelnen die Teilhabe an Gesellschaft und Wohlstand.

Nach Angaben von Stenke werden in diesem Sommer knapp 28.000 junge Menschen ihren allgemeinbildenden Schulabschluss ablegen, rund 65 Prozent davon streben eine duale Berufsausbildung an. Zwar gebe es auf der einen Seite einen massiven Überhang an unbesetzten Ausbildungsstellen, trotzdem würden auf der anderen Seite aktuell mindestens 500 Ausbildungsplätze fehlen. „Gegenüber 2019 sind insbesondere weniger Ausbildungsstellen im Verkauf, in der Lebensmittel- und Genussmittelherstellung sowie in der Gastronomie, bei Arzt- und Praxishilfen und bei Köchen festzustellen“, sagte Stenke.

Auch die Zahl der gemeldeten Bewerberinnen und Bewerber sei um fast neun Prozent niedriger als im Vorjahr. Darüber hinaus sei auch die Zahl der jungen Menschen, die seit März eine Ausbildungsstelle gefunden haben, merklich geringer als in einem normalen Jahr. So hätten im April und Mai nur 1.150 und damit ein Drittel weniger Bewerberinnen und Bewerber eine Ausbildungsstelle gefunden. Staatssekretär Rohlfs: „Somit haben gegenüber dem Vorjahr rund ein Fünftel weniger Jugendliche eine feste Ausbildungs-Zusage und wir rechnen für dieses Jahr mit einem Rückgang abgeschlossener Ausbildungsverträge in Höhe von zehn bis 15 Prozent.“

Auslöser seien unter anderem die unterbrochenen Vermittlungsaktivitäten. So sei neben dem Schulbetrieb auch die Arbeit der Jugendberufsagenturen weitgehend zum Erliegen gekommen, Kontaktmessen seien abgesagt worden und auch an den Schulen habe keine Berufsorientierung stattgefunden. „Die Unternehmen mussten ihren Fokus zunächst auf die Bewältigung der Corona-Krise legen und ihre eigene Existenz sichern“, sagte Rohlfs. Zudem habe die massenhaft beantragte Kurzarbeit erhebliche Kapazitäten der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch genommen.

In ihrer Erklärung (siehe Anlage) verpflichten sich die Bündnispartner, alles zu tun, dass Jugendliche jetzt trotzdem einen passenden betrieblichen Ausbildungsplatz finden und bestehende Ausbildungsverhältnisse fortgesetzt werden können. Rohlfs: „Von den Kammern wissen wir, dass viele Jugendliche und Ausbildungsbetriebe auch durch fehlende Werbemaßnahmen derzeit nicht zusammenkommen. Darum werden wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass auch mediale Hinweise zur dualen Ausbildung erheblich ausgebaut werden. Hierzu zählt etwa unsere Instagram-Kampagne #bleib oben oder die Dachmarken-Kampagne www.der-echte-norden.info.“

Rohlfs und Stenke erinnerten daran, dass der Bund im Konjunkturpaket Prämien für Betriebe vorsehe, die neue Ausbildungsverträge abschließen. Auch werde die Übernahme von Azubis aus insolventen Betrieben finanziell gefördert. Das Land habe ebenfalls eine Förderung für die Übernahme von Azubis in andere Betriebe auf den Weg gebracht.

Thomas Letixerant, Vizechef der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, sagte mit Blick auf den heutigen Appell: „Eines steht fest: Ein fehlender Berufsabschluss erhöht deutlich das Risiko arbeitslos zu werden und zu bleiben. Während 54 Prozent aller Arbeitslosen in Schleswig-Holstein keinen Berufsabschluss haben, sind es bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nur 13,5 Prozent. Doch nicht allein deshalb ist es unser gemeinsames Anliegen, negative Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Ausbildungsmarkt und die berufliche Zukunft junger Menschen zu verhindern. Wir wissen darüber hinaus, dass das Thema Fachkräftesicherung – auch nach der Krise – nichts von seiner Wichtigkeit einbüßen wird.“

Andreas Katschke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck, erinnerte daran, dass in ganz Schleswig-Holstein noch viele freie Ausbildungsplätze im Handwerk zur Verfügung stünden und die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe trotz Corona hoch sei: „Um Bewerber und Betriebe auch während der Corona-Krise zusammenzubringen, haben die Handwerkskammern ihre digitalen Angebote stark ausgeweitet. Regelmäßig bieten wir Online-Sprechstunden zu Ausbildungsthemen an, außerdem gibt es virtuelle Speed-Datings und Beratungsangebote bei virtuellen Berufsmessen. Ich appelliere an die jungen Menschen, diese Angebote zu nutzen und sich bei den Kammern beraten zu lassen. In den Online-Lehrstellenbörsen der beiden Handwerkskammern sind zudem etwa 1500 freie Ausbildungsplätze zu finden. Ich bin optimistisch, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten auf diese Weise die Zahl der Neuverträge noch steigern können.“

Und IHK-Bildungsexperte Thore Hansen ergänzte: „Es ist besonders wichtig, dass die Schulabgänger ihre berufliche Zukunft selbst in die Hand nehmen: Informieren Sie sich über die Chancen und Möglichkeiten der Berufsausbildung zum Beispiel im Internet unter www.ihk-lehrstellenboerse.de“. Dort fänden sich viele attraktive Ausbildungsberufe – von A wie Anlagenmechaniker über K wie Kaufmann im E-Commerce bis Z wie Zerspanungsmechaniker.

Auch DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn setzt auf den Erhalt und die Förderung betrieblicher Ausbildungsverhältnisse: „Außerbetriebliche Auffangprogramme sind – insbesondere wegen der damit gemachten Erfahrungen in den 1990er und 2000er Jahren – auch in Schleswig-Holstein als absolut nachrangig zu betrachten. Vorrang hat die betriebliche Ausbildung. Die Gewerkschaften werden alles daransetzen, dass Jugendliche ihren Ausbildungsplatz behalten. Dies gilt insbesondere für Phasen der Kurzarbeit oder bei drohender Insolvenz des Ausbildungsbetriebes. Übernahmeprämien für Betriebe, die von Insolvenz betroffene Auszubildende übernehmen, sind wichtige und notwendige Hilfestellungen für die Ausbildungsbetriebe und Auszubildenden.“ Polkaehn weiter: „Deshalb appelliere ich an die Jugendlichen: Bewerbt euch jetzt auf eine berufliche Ausbildung im Ausbildungsjahr 2020! Und ich appelliere an die Ausbildungsunternehmen:

Die Krise geht – der Fachkräftemangel bleibt!“

UVNord-Geschäftsführer Sebastian Schulze appellierte abschließend an die Ausbildungsbetriebe: „Wir dürfen trotz erheblicher pandemiebedingter Schwierigkeiten in den Ausbildungsanstrengungen nicht müde werden. Es geht um die Zukunftschancen der Fachkräfte von morgen. Der Bedarf an Fachkräften wird nach Krisenzeiten zügig wieder auf ein sehr hohes Niveau anwachsen. Jugendliche, die wir in diesem Jahr nicht ausbilden, werden in naher Zukunft schmerzlich fehlen. Die duale Ausbildung kann nur weiterhin ein Erfolgsmodell sein, wenn wir uns auch in schwierigen Zeiten der Verantwortung stellen. Schulabsolventen benötigen Perspektiven für den Übergang in die duale Ausbildung. Ich rufe diese auf, sich auch weiterhin zu bewerben und den Sommer für Betriebspraktika zu nutzen. Für einen Ausbildungsbeginn in diesem Jahr ist es noch nicht zu spät: aktiv bleiben und die zahlreichen Informations- und Vermittlungsangebote nutzen, sind das Gebot der Stunde!“

Aussender: Harald Haase. Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus (SH)
Redaktion: Torben Gösch

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