Harte Zeiten für Wildtiere – Jagd stört die Winterruhe

Der Landesjagdverband Baden-Württemberg ruft in einer Pressemeldung „Harte Zeiten für Wildtiere“ vom 30.11.2010 Spaziergänger und Natursportler (!) dazu auf, auf den Wegen zu bleiben und das Wild nicht zu stören. Der im Winter verminderte Stoffwechsel erfordert besondere Ruhe für Wildtiere. Jede Störung des Wildes verbraucht dringend für diese nahrungsarme Zeit benötigte Ressourcen. Von Jägern, die massiv in die Winterruhe der Tiere eingreifen, kein Wort vom Landesjagdverband.

Am 6.12. berichtet die Südwestpresse über eine Bewegungsjagd mit 80 Jägern und 40 Treibern mit ihren Hunden bei großer Kälte und Schneelage bis 60 cm. Der Schwarzwälder Bote beschreibt am 21. Dezember eine großräumige revierübergreifende Bewegungsjagd mit 200 Jägern, 100 Treibern und mindestens 70 Hunden und eine weitere Drückjagd mit 35 Teilnehmern bei hoher Schneelage.

Jagdpresse und beispielsweise der Kreisjägermeister von Aachen berichten übereinstimmend davon, dass es schon bei nicht winterlichen Bedingungen bei Drück- und Treibjagden keineswegs immer tierschutzkonform zugeht. Das Wild ist häufig hochflüchtig, eine genaue Ansprache (welches Geschlecht, wie alt) ist kaum möglich, die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit ein Tier tödlich zu treffen liegt bei 1:4 bis 1:3.

Der Sonderdruck „Wildbrethygiene“ des Deutschen Landwirtschaftsverlages (2008) zitiert Untersuchungen, die eine Blattschussquote von lediglich 25-30 % bei Bewegungsjagden ergaben. Das heißt im Umkehrschluss dass bei vielen Tieren zunächst „nur“ die Keule (das Bein) durchschossen wird, der Rücken verletzt wird, die Bauchdecke aufgeschossen wird. Weil es Jäger gibt, die nicht zu ihren Fehlschüssen stehen und eine Nachsuche ermöglichen, gibt es auch etliche Tiere, die einfach im Wald zugrunde gehen.

Der Landesjagdverband weiß es und seine Revierpächter ebenfalls: Winterruhe ist für viele Wildtiere eine Überlebensstrategie in harten Zeiten. Hirsche und Rehe reduzieren im Winter ihre Körpertemperatur, um Energie zu sparen. Sie stehen oft bewegungslos in der Landschaft. Ihr Herz schlägt statt 60 bis 70 Mal jetzt nur 30 bis 40 Mal in der Minute. Die Reaktionsfähigkeit ist stark herabgesetzt. Man spricht in diesem Zusammenhang oft von Winterstarre, die auch hilft die kalten Temperaturen zu ertragen. Werden die Tiere gestört und zur Flucht gezwungen, fährt der Körper den reduzierten Stoffwechsel hoch. Das Resultat: Die Tiere müssen hungern, weil es nicht genug zu fressen gibt. Oder sie fressen notgedrungen Knospen und Baumrinde und richten Schäden im Wald an.

Im Winter brauchen Wildtiere Ruhe mehr als alles andere und sind lediglich bei Störungen auf zusätzliche Fütterung angewiesen. Ein vollkommener Verzicht auf die Jagd in den Wintermonaten wäre nicht nur im Sinne des Tierschutzes, es wäre womöglich auch im Sinne des Waldes.

Lediglich in Niedersachsen besteht derzeit per Gesetz die Möglichkeit während einer so genannten „Notzeit“ ein vollständiges Ruhen der Jagd anzuordnen. In Baden-Württemberg und anderen Ländern können Revierpächter lediglich dazu verpflichtet werden, das Wild zu füttern und in unmittelbarer Umgebung der Fütterung zu schonen.

Der Landesjagdverband Baden-Württemberg, der zwar Wald-Spaziergänger zur Einhaltung der Wege gemahnt, war zu einer Stellungnahme zur winterlichen Störung des Wildes durch die Jagd in seinem Bundesland leider nicht bereit. Auch will er keine Empfehlung an seine Jäger aussprechen zumindest in Notzeiten gänzlich auf die Jagd zu verzichten, wie es derzeit zum Beispiel in Teilen von Niedersachsen gehandhabt wird. Die nächsten revierübergreifenden Jagden sind nicht nur in Baden-Württemberg bereits für den Januar angesetzt.

 

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